Sonntag, 9. April 2017

Die Dackel sterben aus - Dieter Hermann Schmitz



Karls eingefahrenes Leben als rheinischer Lokalreporter ändert sich eines Tages schlagartig: Krankheitsbedingt fällt er einige Wochen von der Arbeit aus, seine Schwester liefert ihre Zwillinge im Kindergartenalter bei ihm ab, um sich in Ruhe von ihrem Mann trennen zu können und kurz darauf übernimmt er auch noch für einen Nachbar die Aufgabe, sich um einen dickwanstigen Dackel »Professor Brinkmann« zu kümmern.

Für die Kinder kramt Karl alte Kasperlepuppen heraus und spielt ein paar eigenwillige, politisch unkorrekte und keinesfalls pädagogisch wertvolle Stücke. Die Kleinen sind begeistert. Auch in der Seniorenresidenz seiner Mutter kommt eine Geschichte über Kasperls Oma und Sex im Alter gut an.

Nachdem die alleinerziehende Mutter der kleinen Essi ihn für einen Kindergeburtstag engagiert, ist es endgültig vorbei mit Karls altem Leben …

Mit Tiefgang, Witz und einer Prise Lokalkolorit begleitet die »rheinische Dramödie« Karl auf seinem Weg in einen Neuanfang.


Das hauptsächlich in Gelb gehaltene Cover mit dem geteilten Dackel darauf (sollen das zwei sein?) und der Gedankenblase hat mir direkt den Eindruck vermittelt, dass ich hier ein komödiantisches Werk vor mir habe. Irgendwie hat sich Gelb ja in der lustigen Sparte festgesetzt. Auf jeden Fall hat mich das Cover angesprochen, aber auch nicht umgehauen. Im Regal hätte ich nicht danach gegriffen. Umso mehr freue ich mich, dass ich diese kleine Perle trotzdem gelesen habe. 


Ich wusste am Anfang nicht wirklich was ich von diesem Buch halten sollte. Die Inhaltsangabe hörte sich okay an, aber umgehauen hat sie mich nicht. Umso überraschter war ich, als ich mit dem Lesen anfing, und das Buch überhaupt nicht mehr aus der Hand legen wollte! Ich habe mich von Anfang an einfach wohl gefühlt mit dem Buch und habe mich nachträglich sogar über mich geärgert, dass es so lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher gelegen hatte. 

Karl ist Reporter für eine lokale Zeitung im Ressort "Gedöns", also das Mädchen für Alles. Er mag seinen Job, aber irgendwie ist er nicht ganz zufrieden. Als Witwer und allein erziehender Vater eines mustergültigen Schülers hat er ein durchschnittliches Leben. Kleines Haus, Fußball, Arbeit, Alltag. Nichts Besonderes halt. Doch nachdem er in Folge eines Unfalls eine Weile Zuhause bleiben muss, entdeckt er das Kasperle Theater und damit das Puppenspielen wieder für sich, und damit beginnt seine Reise.

Als gebürtige Rheinländerin musste ich über viele Dinge schmunzeln. Wunderbar rheinisches Platt, teilweise jedoch nicht ganz urtümlich. Vermutlich, damit es alle Leser verstehen können. Besonders die Gespräche zwischen Kasperle und seiner Oma sind oftmals nicht gerade zimperlich und im Buch gibt es immer mal wieder Kraftausdrücke. Mir macht das nichts, aber zartere Gemüter könnte das stören. In Amerika wäre das Buch bestimmt zensiert worden. Wie gesagt, bin ich zwar im Rheinland aufgewachsen, dennoch habe ich nie was von Huckeln gehört. Ein neues Wort, das ich direkt in meinen Wortschatz aufgenommen habe.
Meine Hunde habe ich übrigens jetzt auch schon ab und an Köttel genannt. Die Art des Humors hat mir total zugesagt, ich selbst habe einen sehr trockenen Humor. Das ist im Rheintal wirklich weit verbreitet, wenn ich mal so darüber nachdenke.

Die wichtigen Personen des Buches sind genug ausgearbeitet, sodass sie glaubwürdig und nicht zu flach erscheinen. Ich habe die Charaktere richtig lieb gewonnen und habe mit Ihnen gefiebert und gelacht. Und das nicht nur bei den gut geschilderten Theaterstücken. Diese sind amüsant und so gut beschrieben, dass ich den Eindruck hatte mit im Publikum zu sitzen. Mir hat das gut gefallen. Wären die Theaterstücke nicht so ausführlich beschrieben worden, hätte mir etwas gefehlt. Dafür fand ich ab und an manche Szenen etwas langatmig. Das hat mich aber nicht zu sehr gestört.

Das Buch ist aber nicht nur lustig. Man sollte es auf keinen Fall unterschätzen! Es spielt mit feinen zwischenmenschlichen Tönen und macht nachdenklich. Das menschliche Miteinander wird immer wieder zum Thema und wird aus verschiedenen Richtungen beleuchtet. Denn oft ist es im wahren Leben auch so, dass diejenigen, die die schlimmsten Verluste ertragen mussten, all dies mit einem Lächeln und einem Witz versuchen zu überspielen. Man wendet sich bewusst den lustigen Dingen zu, um nicht zu viel über die Traurigkeit nachdenken zu müssen.

Am Ende ist das Buch recht philosophisch und sehr selbst reflektierend. Mir fehlte so ein wenig der abschließende Witz. Kasperle hat doch meistens auch einen kleinen Knaller am Ende. Das habe ich vermisst. Von der Handlung her hatte ich mit diesem Ende gerechnet, aber irgendwie hat mich das Seminar und der kurze Abschnitt danach ein wenig ernüchtert zurückgelassen. Ich weiß aber auch nicht wie der Autor das hätte besser lösen können. Vielleicht das Seminar etwas früher einbauen?


Ein wirklich unterhaltsamer Roman mit etwas Tiefgang, reichlich rheinischem Platt, Kasperle und zweiten Chancen. Denn das Leben läuft nicht immer Geradeaus, sondern macht auch gerne mal ein paar Schlenker. Für alle, die eine lustig-nachdenkliche Komödie lesen möchten ist dies auf jeden Fall eine Empfehlung von mir! An ein paar Stellen hatte ich leichte Kritik, daher gibt es 4 Sternchen mit einem + dazu.


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen